Meine innerliche Ruhe

Immer wieder schreibe ich hier über die Reichtümer die ich besitze, dazu zählen aber nicht nur Grundlegende Dinge wie ein Dach über dem Kopf oder einer Heizung im Winter. Dazu zählen auch Dinge, Erfahrungen, Talente die ich besitze.

Vor wenigen Tagen ging mein heißgeliebter Fernseher kaputt, bekommen hatte ich ihn 2013 von meinem damaligen Freund – ganz überraschend, er trug ihn durch die halbe Stadt und das mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein 40″ Fernseher von Grundig. Als ich zwei Jahre später mal nach dem damaligen Neupreis schaute fiel mir erstmals auf wie viel Geld mein Ex mir da geschenkt hatte. Doch verkaufen wollte ich ihn nicht, es hängen Erinnerungen an ihm und ich brauchte einen Fernseher.

Da 2017 die Umstellung von DVB-T auf DVB-T2HD kam und man dafür zusätzlich Geld investieren musste entschied ich mich auf die Fernsehsender zu verzichten und stattdessen den Fernseher mit Google Chromecast und einem HDMI-Kabel am Stand-PC zu benutzen. Fortan sah ich nur noch Online-Mediatheken. Es fehlte nichts.

Doch jetzt ist er tot, von einer Sekunde auf die andere ist er während der Benutzung ausgegangen und geht seit dem nicht mehr an :'( „schniiief“. Zu meiner eigenen Verwunderung riss dies mich aber nicht in eine Tiefphase – im Gegenteil, ich nahm dies hin als wäre nur eine Blume – die bei mir immer eingehen – gestorben. Keine tiefe Trauer, kein Ausrasten oder Rumschreien. Ich blieb cool. Und genau darüber möchte ich mit euch reden – also über meine neue verbesserte Fähigkeit ruhig zu bleiben.

Wie die meisten meiner Leser sicher wissen bin ich Asperger-Autist, dass heißt ich habe unter anderem immer einen innerlichen Drang alles perfekt zu machen und alles muss perfekt laufen. Dann kam 2016 meine Therapie. Und mit der Zeit verlor ich diesen Drang – er ist zwar noch in mir, aber nicht mehr so ausgeprägt. Als ich vor einigen Jahren mal meine Mutter danach fragte, was mich als Kind so ausmachte war ihre Antwort: „du warst ein innerlich ruhender Mensch.“ Ich war? Ja! In den Jahren zwischen meinem 3. und 24. Lebensjahr war ich vor allem gestresst. Gestresst von mir selbst, von anderen, von der Gesellschaft. Nichts lief wirklich perfekt und das störte mich. Ohne es wirklich als solche wahr zu nehmen entwickelte ich eine tiefe Depression. Eine weitere Anspannung kam dazu. Meine innerliche Ruhe glich einem Irrglauben, sie war nicht mehr da. Alles und jeden machte ich dafür verantwortlich. Regelmäßig explodierte ich. Meine Schule brach ich ab – war eh nie besonders gut, da ich das Mobbing-Opfer schlechthin war. Autisten kann man gut mobben – sie reden nicht, hassen jeglichen Körperkontakt und sind irre schlau. Dinge die andere Kinder reizen und dich zum Außenseiter machen. (Achtung: Jeder Autist ist anders, aber viele Autisten haben es so oder so ähnlich erlebt!) Meine sozialen Kontakte verlor ich, verkroch mich in meiner Welt welche aus Bussen, Spielen, chatten,  Musik hören und vor allem Ruhe vor der Welt bestand. Hier konnte ich ich sein und keiner kam an mich ran. Auch meine Eltern nicht. Ich sprach nicht und schlug meinen Vater wenn er versuchte mich zur Schule zu zwingen. Ich schlug meinen Bruder weil ich ihn sah wie er Freunde hatte und ich nicht. Er konnte sprechen und das sehr viel. Er schaffte damals noch die Schule. Alles Dinge die mir nie leicht fielen und vor allem zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ich begann 2007 eine Therapie, gezwungenermaßen aber dennoch hilfreich. Sie dauert fast 1 Jahr, war intensiv und fordernd. Zeigte mir meine Stärken und rehabilitierte meine Schwächen. Sie war der Punkt an dem ich das erste Mal in meinem Leben ganze Sätze mit Fremden sprach und anfing meine Gefühle wahr zunehmen, zu zeigen und zu beschreiben. Ohne diese Therapie hätte ich wohl nie begonnen damit und würde hier nicht sitzen und diesen Text schreiben. Nach der Therapie bekam ich eine weitere, andere Therapie und wurde das erste Mal außerhalb meines Elternhauses betreut. In dieser Zeit lernte ich einen meiner heute besten Freunde kennen und machte mit ihm Musik. Er ist schuld daran, dass ich heute Musik mache. Danke!

Doch trotz meiner Betreuung und Therapie verschwand meine Depression nicht. Zwar schaffte ich wieder Ziele wie einen Schulabschluss und ein erstes Praktikum, aber in mir waren mein Drang nach dem Perfekten und die Sehnsucht nach Geborgenheit. Darin steigerte ich mich, bis ich eines Nachts keinen Ausweg wusste. Der Mann einer guten Freundin rief damals zum Glück meine Betreuer an… ich verdanke dir mein Leben!

Danach schlug ich mich eben so durch, ich zog wieder in meine Heimatstadt, in eine eigene Wohnung, begann eine  Lehre als Berufskraftfahrer, wurde einen Monat später gefeuert, landete beim Jobcenter, bekam wieder Betreuung, wurde auf den zweiten Arbeitsmarkt gestuft, begann erneut eine Ausbildung, diesmal als Bürokaufmann, die Betreuung wurde beendet, bekam wieder starke Depression, fraß mich voll, bekam einen Zusammenbruch, war 3 Monate krank, wurde wieder gekündigt und landete schließlich bei einer Psychiaterin. Sie stellte bei mir neben einem irren Gewicht auch das Asperger-Syndrom fest. Ich bekam wieder Betreuung, neuen Lebensmut, lernte andere Autisten kennen, wurde zum Admin einer Facebook-Gruppe, lernte neue Freunde kennen, hatte inzwischen eine Führerschein und fuhr mit Papas Auto umher. Und beruflich? Nichts! Das Jobcenter schickte mich immer wieder nach Hause, gab mir keine Hoffnung. Begann eine Maßnahme zur Feststellung meiner Fähigkeiten, brach diese ab, da ich keine 8h am Tag plus 2h Fahrzeit schaffte, wurde als schwierig vermittelbar eingestuft und bekam ein Jahr später folgende Aussage zu hören „Herr Ewald, gehen Sie in Rente, wir können nichts mehr für Sie tun!“ – das kam vom Jobcenter. Mehrmals! 2015, als ich gerade einmal 22 Jahre alt war. Ich verlor jegliche Bewegungs- und Lebenskraft. Ich stürzte in die tiefste Lebenskrise bisher und kam schließlich in ein Krankenhaus – Suizidverdacht. Damals rief eine sehr gute Freundin die Polizei – etwas was ich nie von ihr gedacht hätte und wofür ich ihr bis heute sehr dankbar bin. Meine Eltern mussten zusehen wie ich von der Polizei in ein Krankenhaus gebracht wurde und ich konnte darüber nie mit ihnen sprechen.

Ich entließ mich selbst, die Zustände in der Klinik waren für mich nicht tragbar und machten mich weiter depressiv. Meine Eltern nahmen mich auf. Ich lernte nur sehr langsam wieder Lebensmut zu fassen und konnte erst nach über einem halben Jahr zurück in meine Wohnung. Das Jahr darauf bekam ich wieder heftige Depression und ging sofort zu meinen Eltern. Das einzig positive was ich selbst damals von mir wusste war, dass ich 2015 meinen Taxischein bestand und somit auch heute noch jederzeit als Taxifahrer anfangen könnte.

Dann zog ich Mitte 2016 in eine WG mit anderen jungen Menschen welche allesamt betreut werden. Plötzlich ging es mir besser – alle Gedanken und Probleme verschwanden und ich hatte zum ersten Mal seit über 10 Jahren das Gefühl angekommen zu sein. Doch das Gefühl hielt nicht so lange wie gedacht. Im Dezember bekam ich einen Brief in dem mir mitgeteilt wurde das ich auf die volle Erwerbsminderung hinunter gestuft wurde und somit nicht einmal mehr 3h am Tag fähig bin zu arbeiten. Zwei Monate später befand ich mich wieder in einer depressiven Phase, da ich mit meinen Mitbewohner und Betreuern zunehmend nicht mehr klar kam. Diese Phase hielt bis zum 14.11.2017 an.

An diesem Tag wurde mir in einem Vorstellungsgespräch mitgeteilt, dass man meine Arbeitskraft benötige und ich zwei Tage später anfangen könnte. Nun bin ich IT-Praktikant bei einer großen Sprachenschule, mein Vorgesetzter ist mein kleiner Bruder, meine Mutter arbeitet ebenfalls in dieser Firma und das beste ist, ich kann mir frei einteilen wann ich wie arbeite. Die Chefs sind sehr nett und beides Brüder 😀

Und noch ein Wunder ist geschehen: der Job ist mein neuer Traumberuf – weil er meine Fähigkeiten, Interessen und meine Leistung perfekt verknüpft. Ich hoffe dies wird ein richtiger Neuanfang und ich kann 2018 weiter durchstarten.

Und meine innerliche Ruhe? Die ist nach meiner Therapie 2016/17 und diesem Job endlich zurück gekehrt. Ich bin nicht nur innerlich ruhend, ich wirke auch auf andere so und kann diese ebenfalls beruhigen. Ich danke allen Menschen, die an meiner Entwicklung im positiven beigetragen haben und am meisten danke ich meiner Familie, meinen drei besten Freunden und meiner Therapeutin.

Taks euc! PEAS, FRIJHIJT AAN LIVNLAST!