Ich stehe an meinem, mit Kerzen geschmücktem Fensterbrett und schaue hinaus zu denen die da draußen herum wuseln. Den Menschen, die sich in ihre Autos setzen, in die Dunkelheit nach Hause oder zu einem späten Termin in der Nacht fahren. Jetzt spüre ich wieder dieses Verlangen danach einer von ihnen zu sein. Einfach einer Aufgabe nach zu gehen, die Routine bedeutet. Mich den Aufgaben im Leben zu stellen und abends nach Hause zu kommen. In mein kleines Häuschen am Stadtrand, wo meine Familie auf mich wartet. Die Post auf der Anrichte mich begrüßt und ich sagen kann: ich bin endlich zuhause.

Ich wünsche mir mit jemanden auf dem Sofa zu kuscheln, einen Film oder eine Serie zu gucken und zu wissen, morgen muss ich wieder raus. Raus in diese graue, bunte Welt. Die die mir einst so zu viel geworden ist, dass ich daraus floh. Damals packte ich meine Koffer und floh. Ließ mich als nicht arbeitsfähig betiteln nur um nicht mehr diesem Druck Parole bieten zu müssen. Und nun, ein paar Jahre später, stehe ich am Fensterbrett meiner Stadtvilla in der Großstadt, trinke genussvoll meinen persischen Tee und schaue in diese große graue Stadt. Drüben bewegen sich Menschen, Autos und Lichter. Sie zeigen, da ist noch Leben.

Mein Blick schweift über die Fensterbank, an meiner Wand entlang und sieht in mein großes Zimmer. Hier habe ich Sofa, Schreibtisch, Bett und Schrank. Die Regale zieren voller DVDs, Deko und meiner großen Musiksammlung. Auf meinem kleinen Wohnzimmertisch warten ein Einhorn aus Porzellan und ein kleiner Teddybär das ich mich hinsetze und ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Ich nippe an meiner Tasse und vernehme die Musik im Hintergrund, sie lief die ganze Zeit und begleitete meine Gedanken zu dem was draußen passiert. Meine Füße bewegen sich Richtung Sofa und ich lasse mich darauf fallen. Der Inhalt meiner Tasse schwappt hin und her und nur mit Mühe bringe ich den Tee wieder zum Beruhigen. Noch einmal schweift mein Blick durch das Zimmer und bleibt bei einem Fenster stehen. Dort steht er. Auf dem Balkon gegenüber blickt mich ein Mann an und nickt.

Es ist Tom, der wohl heißeste Nachbar der Welt. Im Sommer lief er gerne auf seinem Rundum-Balkon mit nacktem Oberkörper herum und mir lief jedes Mal das Wasser im Mund zusammen. Aber nun war es Winter und viel zu kalt für nackte Oberkörper. Allgemein war es viel zu kalt draußen, bald wird es sicher Schnee geben und dann wäre es perfekt für eine Tasse heißen Tee und gemütlich auf dem Sofa kuscheln. Aber mit wem? Ich fühle ein Stechen in der Brust und muss unweigerlich daran denken, wie meine letzte Beziehung zerbrach. Schnell! Ein anderer Gedanke muss her.

Aus dem Augenwinkel sehe ich wie Tom den Balkon verlässt und das Licht ausmacht. Nun, es ist ja auch schon 21 Uhr und draußen ziemlich kalt. Meine Gedanken beginnen wieder wie jeden Abend verrückt zu spielen und ich denke an so vieles aus der Vergangenheit. Daran, wie ich meine Ausbildung abbrach, wie meine Beziehungen immer wieder zerbrachen und welche Träume ich doch immer gehabt, aber nie den Mut sie umzusetzen. Ich hasse dieses Gedankenkarussel, denn es wird erst enden, wenn ich mich mit irgendwas volldröhnen werde. Da ich jedoch in diesem Zimmer keinen Fernseher besitze und zu faul bin mich ins kalte Wohnzimmer zu setzen bleibe ich hier auf dem Sofa sitzen und denke vor mich hin.

Ein “Ding-dong” zieht mich aus meinen Gedanken und ich denke nur “Gott sei dank!”. Eigentlich ist es mir nicht recht, wenn jemand unangekündigt an der Tür klingelt , vor allem nicht nach 21 Uhr. Aber um mein Gedankenkarussel zu stoppen ist mir fast alles recht. Als ich wenige Sekunden später die Tür öffne kann ich meinen Augen kaum trauen. Da steht er. Der schönste Nachbar der Welt. Direkt vor meinen Augen. Er sieht mich mit verzweifelter Miene an und spricht: “Hey, tut mir leid, dass ich so spät noch klingle. Mir ist ein Malheur passiert. Ich habe mich leider ausgeschlossen und wollte fragen ob ich bei dir warten kann, bis der Schlüsseldienst kommt.” Tom sieht mich mit fragenden Augen an, dabei schimmert seine grüne Iris wie ein Drachenauge. Sein Gesicht ist rundlich geformt, mit einem rasierten Bart. Sein Lächeln bringt mich innerlich fast zum Zerspringen, es ist das schönste welches ich bisher bei einem Mann gesehen habe.

“Natürlich!” sage ich, ohne dabei auf meine Stimmlage zu achten. Erst an seiner Reaktion merke ich, dass ich wohl die falsche gewählt hatte. Um diese Peinlichkeit zu verbergen öffne ich die Tür und zeige in meinen Flur. Er tritt ins Haus und mir kommt ein wohltuender, fruchtig-weicher Duft entgegen. Ich schließe die Tür und jubel innerlich vor Freude ‘Der schönste Mann der Welt ist in meinem Flur’.

Tom dreht sich um, sieht zur Decke und sagt “Ah, schön hast du’s hier. Hast du vielleicht einen Tee für mich?”.