Liebe Leser_in,

vor einigen Jahren schrieb ich auf diesem Blog einen Beitrag dazu, wie man mit Menschen mit Depression umgehen sollte und wie es sich anfühlt Depression zu haben. Damals hatte ich gerade meine 15-jährige Depression hinter mir gelassen und war das erste Mal in meinem Leben mehrere Monate am Stück gut drauf. Bis vor wenigen Monaten hätte ich nicht gedacht, dass sich dies wieder ändern wird. Nun gut, ich wusste das es nicht immer so fröhlich weitergehen wird, aber ich dachte dieses Glück dauert noch ein bisschen an.

Im März konnte ich nach gerade einmal 6 Monaten Arbeit meine Stunden um das doppelte erhöhen und war darüber anfangs sehr glücklich. So lebte ich doch jahrelang in der Arbeitslosigkeit und konnte mich nun darauf freuen bald – also in ein paar Jahren – endlich raus aus dem Sozialhilfebezug zu kommen. Am Anfang viel es mir schwer mich daran zu gewöhnen 4 Tage die Woche zur Arbeit zugehen, obwohl es mir noch Spaß machte. Ich dachte, dass würde ich in den Griff bekommen und machte weiter.

Zunehmend verlor ich meine Gelassenheit, meine Wutausbrüche kamen zurück und nahmen mit der Zeit immer mehr zu. Fehler konnte ich mir immer öfter nicht mehr verzeihen. Schlaflosigkeit, Überforderungen und dann auch noch Probleme in meiner WG nahmen mir meine Kraft. Doch ich wollte nicht aufgeben.

In all der Zeit wo ich Arbeitslos war habe ich zu spüren bekommen, wie wenig man wert ist, wenn man nicht arbeiten kann. Meine Familie zu enttäuschen, mir selbst einzugestehen, dass ich es nicht kann und meinen Chef hängen zu lassen. All das sind Gedanken die zunehmend in meinem Kopf schwirren. Zudem möchte ich doch etwas erreichen, meinen eigenen Weg gehen und vor allem raus aus dieser WG. Am liebsten mag ich auf’s ruhige Land ziehen und raus aus Bremen. Ich hasse diese Stadt, sie zeigt mir jeden Tag an so vielen Ecken wie ich gescheitert bin.

Auch wenn mir bewusst ist, dass ich viele der oben genannten Dinge nicht zu verantworten habe bzw. es einfach nicht so ist wie es mein Hirn sich zusammen spinnt fällt es mir dennoch unglaublich schwer mich zu motivieren. Am liebsten mag ich alles hinter mir lassen und endlich weg. Ja, selbst meinen Job mag ich hinter mir lassen.

Dieser Job, als EDV-Kraft auf 6h Basis begonnen in einem Verein für Menschen mit und ohne Behinderung, raubt mir viel Zeit. Ich habe zunehmend das Gefühl dort nicht richtig zu sein. So muss ich aber doch zugeben, dass es eine einmalige Chance für mich ist. Bin ich so lange Arbeitslos gewesen und für die Ämter als unvermittelbar eingestuft worden. Würde ich jetzt diesen Job beenden – aus welchen Gründen auch immer – wäre ich meine wohl einzige Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen dahin. Das ist eine der schwersten Lasten die ich gerade mit mir rumtrage und bisher sehe ich keine Lösung.

Zu all diesem Stress kommt mein gesundheitlicher Zustand. Meine Zähne sind so kaputt, dass eine langwierige Behandlung notwendig wurde. Diese kann ich allerdings aufgrund Nervenzusammenbrüchen nicht ambulant beim Zahnarzt machen. Doch keine Klinik die wir in den letzten Monaten erreicht haben möchte mich operieren, dabei bin ich sogar bereit mehrere hundert Kilometer dafür zu fahren. Alternativ wäre eine unter Hypnose stattfindende ambulante Behandlung möglich, welche Allerdings viel Geld kostet. Doch mit den Zähnen nicht genug. Ich muss abnehmen, meine Gallenblase muss entfernt werden, meine Ernährung sollte ich endlich in den Griff bekommen, meine Brille ist nun schon 15 Jahre alt und könnte eine Erneuerung vertragen und meine Ohren hören nicht mehr so gut. Durch mein enormes Gewicht sind auch Knie und Beine an der Belastungsgrenze. Rund um, gesundheitlich bin ich ein echtes Wrack und das obwohl ich keine körperliche Behinderung habe.

Und was tut man, wenn man Depression bekommt? Man fällt in schlimme Verhaltensmuster. Ich kapsel mich ab, rede seltener und weine häufiger. Mein Tag besteht aktuell aus Auto fahren, Musik hören und am PC sitzen. Ich habe Angst. Angst vor dem was kommt, vor dem was ich nicht tu und vor dem wie meine Situation zu explodieren scheint. Meine Freunde und Familie sind da, sie halten mich. Aber das ist nur ein Wall der das aufgestürmte Meer meiner Gefühle und Gedanken nicht mehr lange halten wird.

euer Timo